Dienstag, 18. Oktober 2011

Die Altdorfer Empfehlungen

Manche werden sich fragen, warum  mit den Altdorfer Empfehlungen weitere Guidelines für die Behandlung transsexueller Menschen in die Welt gesetzt wurden, wo es doch schon genügend Standards usw. gibt. Hat nicht gerade erst die WPATH die 7er Version ihrer Standards veröffentlicht? Und sind nicht auch (manche) "Betroffene" (und ihre Organisationen)  mit diesen WPATH-Standards zufrieden?

Die Antwort ist einfach: Gerade weil solche Standards wie die der WPATH auf dem Markt zirkulieren, braucht es die Altdorfer Empfehlungen.

Diese Guidelines wurden aus zwei Gründen verfasst.

Erstens ist es höchste Zeit, endlich über Guidelines zu verfügen, die menschenrechtskonform sind. Alle bisherigen Konzepte und Standards der „Behandlung“ transsexueller Menschen verstossen in eklatanter Weise gegen die Menschenrechte, weil sie davon ausgehen, dass Transsexualität eine psychische Störung sei. Auch die neuen WPATH-Standards rücken von diesem Grundsatz nicht ab. Beinhart werden transsexuelle Menschen mit der Diagnose "Gender Dysphoria" versehen und „behandelt“. Und auch im neuen "DSM V" wird diese Linie durchgezogen. Dagegen laufen UNO, Europarat und Europäisches Parlament Sturm: Man fordert eindeutig „Schluss mit der Psychopathologisierung transsexueller Menschen“. Und auch die WHO beginnt selbstkritisch über das künftige ICD 11 (das 2015 erscheinen soll) nachzudenken, jedenfalls hat das kürzlich Helena Nygren-Krug, die Menschenrechtsberaterin der WHO, unmissverständlich deutlich gemacht. Im konservativen Tea-Party-Amerika scheint die Einhaltung der Menschenrechte transsexueller Menschen jedoch derzeit undenkbar.
Genau hier setzen die Altdorfer Empfehlungen an: Zum ersten Mal werden Guidelines veröffentlicht, die von der prinzipiellen Gesundheit transsexueller Menschen ausgehen. Transsexualität ist eben keine Störung, sondern eine gesunde hirngeschlechtliche Normvariante. Fazit: Man muss transsexuelle Menschen nicht für gestört erklären, um sie medizinisch begleiten und betreuen zu dürfen. Das Leiden transsexueller Menschen kommt aus anderen (z.B. transphoben) Quellen, entspringt nicht ihrer "Gestörtheit".

Zweitens brauchen wir endlich Konzepte für die Betreuung und Begleitung transsexueller Menschen, die den heutigen Erkenntnisstand der Medizin widerspiegeln. In den letzten dreissig Jahren ist die Medizin von gewaltigen Umbrüchen und Umwälzungen erschüttert worden, nur sind diese am Thema Transsexualität komplett vorbei gelaufen. Die Medizin (oder soll man besser sagen 'das kleine, internationale SexologInnen-Netzwerk um Kenneth Zucker, Friedemann Pfäfflin usw.') hat beim Thema Transsexualität diese Entwicklungen weitgehend verschlafen und predigt immer noch die John-Money-Richard-Green-Linie der 1970er Jahre, mit Schikanen wie Gutachtentheater, Alltagstestver- pflichtung, Mindestalterfestsetzungen usw..

Die für die medizinische Transsexualitätsdiskussion relevanten Umbrüche der Medizin seien kurz aufgezählt:
  1. Die neurowissenschaftliche Wende, der Aufschwung der Hirnforschung
  2. Die weltweite Etablierung des neuen Gesundheitsparadigmas via Deklaration von Alma Ata und Ottawa-Charta: Primary Health Care und Gesundheitsförderung
  3. Der gewaltige Aufschwung der psychosozialen Medizin: die Anerkennung gesellschaftlicher Ursachen von Krankheit und Behinderung
  4. Die Entwicklung von naturwissenschaftlich fundierten und neurowissenschaftskonkordanten, zugleich aber auch gesellschaftskritischen Psychologie- und Medizinkonzepten (z.B. Neurodidaktik von Manfred Spitzer; Kritische Psychologie von Klaus Holzkamp u.A.)
  5. Die Entwicklung der modernen Präventions- und Risikofaktorenmedizin
  6. Die Entwicklung von psychosomatischen Medizinkonzepten und die Entwicklung der modernen Psycho-Körpertherapien
  7. Der Aufschwung des medizinischen Casemanagements und
  8. Die paradigmatische Wende zur Evidenzbasierten Medizin.
In die Altdorfer Empfehlungen wurden diese Paradigmen eingearbeitet. Dadurch konnten neue, positiv ausgerichtete Sichtweisen und Konzepte für die Begleitung und Betreuung transsexueller Menschen entwickelt werden. Wobei in der Praxis bereits viele MedizinerInnen und PsychologInnen – quasi hinter vorgehaltener Hand – so verfahren, wie es in den Altdorfer Empfehlungen beschrieben wird. Das Neue an den Empfehlungen dürfte eher sein, dass diese Vorgehensweisen erstmalig streng wissenschaftlich abgeleitet auf den Punkt gebracht und in Form von Guidelines veröffentlicht wurden. 

Hier ist der Link auf die Seite vom SPD Uri, wo Sie die Empfehlungen (als pdf) herunterladen können. Sie können auch über diesen Direktlink die Empfehlungen direkt herunterladen