Mittwoch, 14. November 2012

Vortrag in Wien


Vor wenigen Wochen, am 18.10.2012, hielt ich bei der Fachkonferenz Trans*Identitäten den Vortrag:

Sie sind ihr Gehirn – 

Transsexualität im Spannungsfeld von Neurowissenschaft und Transphobie“ 


Die WASt (Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche und transgender Lebensweise) lud mich ein, zu meinen bisher veröffentlichten Publikationen Transsexualität einen Vortrag zu halten, da auch wichtige hiesige Diskussionspunkte berührt würden:
  • kontroverse Depathologisierungsdiskussion der Community (teilw. sehe man die Kostenübernahme medizinischer Behandlungen in Gefahr!)
  • Entwicklung menschenrechtskonformer Behandlungsempfehlungen
  • bisher erfolglose Novellierungsbemühungen (trotz „ExpertInnengremium“) der „Empfehlungen für den Behandlungsprozess von Transsexuellen in Österreich“ aus dem Jahr 1997: Empfehlungen 1997
Die Zielgruppe der Fachtagung war breit gestreut: Interessierte, die sich mit dem Thema noch eher wenig beschäftigt hatten, Community AktivistInnen, transbewusste Menschen, BeraterInnen und PsychotherapeutInnen. Bunt gemischt also.

Ebenso vielfältig waren die Reaktionen auf meinen Vortrag: Ausgeprägtes Informationsbedürfnis, Begeisterung, aber auch Ablehnung (besonders bei politischen Entscheidungsträgern und manchen „ExpertInnen“).

Meinen ausformulierten Vortrag finden Sie hier: Download Vortrag 

Samstag, 6. Oktober 2012

Das Urteil


Transphobie ist nicht nur eine „Einstellung“ Einzelner, sondern ein mächtiger gesellschaftlicher Diskurs, der nach wie vor Medizin, Kultur und auch Alltagsbeziehungen bestimmt. Und eben auch die Rechtssprechung.
Die Befangenheit von Gerichten kann soweit gehen, die Inhalte von progressiven Guidelines wie den „Altdorfer Empfehlungen“ völlig zu verdrehen und sie für das transphobe juristische Alltagsgeschäft zu missbrauchen.

So geschehen in einem Urteil des Landessozialgerichts Baden-Württemberg im Januar 2012. In diesem Urteil wird behauptet, bestimmte medizinischen Inhalte und Sichtweisen der Altdorfer Empfehlungen – wie Entpathologisierung der Transsexualität und Verständnis als einer gesunde Normvariante – könnten dazu führen, dass künftig die Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenversicherung für eine operative Behandlung aus dem durch Transsexualität bedingten Leidensdruck verneint und eine solche Behandlung dann der Eigenverantwortung zugewiesen wird. 

Damit wird der Sinn und Zweck der Altdorfer Empfehlungen quasi pervertiert.

Um derartige „Missverständnisse“ auszuräumen, habe ich ein Paper mit dem Titel „Sie sind Ihr Gehirn – in einem falschen Körper“ verfasst, das die Auffassungen des Gerichts zum Thema Transsexualität einer eingehenden neurowissenschaftlichen Analyse unterzieht.
Veröffentlicht wurde das Paper vom Schweizer Verein trans-evidence, welcher sich zum Ziel gesetzt hat, zur wissenschaftlichen Entmythologisierung von Transsexualität beizutragen. 

Zu meinen bisherigen Veröffentlichungen ist anzumerken:

  1. Das Paper „Sie sind Ihr Gehirn – in einem falschen Körper“ ist zugleich Antwort auf die Frage: „Was ist Transsexualität?
  2. Das WHO-Paper geht eher darauf ein, was Transsexualität nicht ist, nämlich keine psychische Störung.
  3. Die Altdorfer Empfehlungen thematisieren, was bei der Begleitung und beim Coaching transsexueller Menschen zu tun bzw. zu unterlassen ist. 

Am 18.10.2012 findet in Wien die Fachkonferenz"Trans*Identitäten" statt, bei der ich ein Referat zum Thema
Sie sind ihr Gehirn - Transsexualität im Spannungsfeld von Neurowissenschaft und Transphobie“ halte und einen Workshop („Aspekte des medizinischen Case-Managements. Trans*-Betreuung ohne transphobe Scheuklappen“) gestalte/moderiere. Alle drei Papers sind meine „inhaltliche Hintergrundsfolie“ für diese Veranstaltung.


Das Paper „Sie sind Ihr Gehirn – in einem falschen Körper“ finden Sie zum Downloaden unter folgendem Link:





Samstag, 25. Februar 2012

Die Pathologisierung transsexueller Menschen beenden!


In den „Altdorfer Empfehlungen“ heisst es: Transsexualität und Psychiatrie haben nach unserem Verständnis primär nichts miteinander zu tun. Transsexualität ist eine neurobiologische Normvariante oder Normvariation und weist primär keinerlei psychischen Störungscharakter auf“. 
 
Die Altdorfer Empfehlungen beschreiben den aktuellen medizinischen „State of the Art“ und gehen dementsprechend von einem modernen, zeitgemässen, menschenrechtskonformen Psychiatrieverständnis aus. Es wird heute gerne vergessen und verdrängt, dass in der Vergangenheit die Psychiatrie den transsexuellen Menschen Übles angetan hat – stets im Einklang mit staatlichen-juristischen Autoritäten, z.T. ja auch im „Gleichschritt“. An der faschistischen Sonderbehandlung transsexueller Menschen per Gutachten, Kastration und KZ waren Psychiater beteiligt. Zwar wurden 1945 die KZ's geschlossen, es blieben aber die Psychiater, welche die Kastrationen, die Gutachten, die Zwangsbehandlungen und die unverrückbare psychiatrische Überzeugung, transsexuelle Menschen seien   
  • psychisch krank
  • pervers
  • persönlichkeitsgestört 
  • abnorm und 
  • wahnhaft
bis heute am Leben halten. 

Beispielsweise veröffentlichte Sigusch noch 50 Jahre später (1994) seine Beschreibung des „typischen Transsexuellen“:
Im ärztlichen Gespräch wirken Transsexuelle kühl-distanziert und affektlos, starr, untangierbar und kompromisslos, egozentrisch, demonstrativ und nötigend, dranghaft besessen und eingeengt, merkwürdig uniform, normiert, durchtypisiert ... Introspektions- und Übertragungsfähigkeit fehlen weitgehend ... Trotz oft unablässiger Schilderungen des Leidensweges drückt der Patient kaum Affekte aus. Bei oft gesten- und floskelreicher Redseligkeit wirkt der Patient stereotyp, monoton, fassadenhaft ... Die zwischenmenschlichen Beziehungen Transsexueller sind stark gestört, weil ihnen Einfühlungsvermögen und Bindungsfähigkeit weitgehend fehlen ... Alle Transsexuellen weisen eine Tendenz zum psychotischen Zusammenbruch unter Stress, in Krisensituationen auf." (1)

Obwohl derartige Auffassungen fachlich(-psychiatrisch) völlig obsolet sind, wird die Mär vom psychisch gestörten transsexuellen Menschen auch heute weiterhin verbreitet. Im Tea-Party-Amerika ist man diesbezüglich sehr aktiv: auch im neuen Entwurf des DSM-V werden transsexuelle Menschen als psychisch gestört klassifiziert (man greift dazu auf das Uraltetikett „Gender Dysphoria“ zurück). Und auch im deutschsprachigen Raum gibt es begeisterte Adepten des veralteten Denkens (z.B. Beier in Berlin), obwohl UNO, Europarat und europäisches Parlament vehement fordern, mit der Psychiatrisierung und der Störungsetikettiererei transsexueller Menschen endlich aufzuhören. 

Bei der WHO jedenfalls scheint diese Kritik langsam Früchte zu tragen. 
Menschenrechtsorganisationen, die sich für die Anliegen transsexueller Menschen engagieren, wurden von der WHO zu einem Dialog aufgefordert, damit Transsexualität im neuen ICD11 nicht mehr als psychische Störung aufgeführt wird.

Das vorliegende Paper (siehe Links unten) liefert die wichtigsten psychiatrischen Argumente gegen eine Psychopathologisierung transsexueller Menschen. Es ist in Deutsch und Englisch publiziert, denn auch aus den USA wurde bereits Interesse signalisiert. 

Die Links befinden sich auf der Homepage des SPD Uri (ganz unten):






Literatur:
(1)
Sigusch, V.: Leitsymptome transsexueller Entwicklungen. Wandel und Revision. In: Deutsches Ärzteblatt (1994), Nr. 91, 1455–58