Samstag, 25. Februar 2012

Die Pathologisierung transsexueller Menschen beenden!


In den „Altdorfer Empfehlungen“ heisst es: Transsexualität und Psychiatrie haben nach unserem Verständnis primär nichts miteinander zu tun. Transsexualität ist eine neurobiologische Normvariante oder Normvariation und weist primär keinerlei psychischen Störungscharakter auf“. 
 
Die Altdorfer Empfehlungen beschreiben den aktuellen medizinischen „State of the Art“ und gehen dementsprechend von einem modernen, zeitgemässen, menschenrechtskonformen Psychiatrieverständnis aus. Es wird heute gerne vergessen und verdrängt, dass in der Vergangenheit die Psychiatrie den transsexuellen Menschen Übles angetan hat – stets im Einklang mit staatlichen-juristischen Autoritäten, z.T. ja auch im „Gleichschritt“. An der faschistischen Sonderbehandlung transsexueller Menschen per Gutachten, Kastration und KZ waren Psychiater beteiligt. Zwar wurden 1945 die KZ's geschlossen, es blieben aber die Psychiater, welche die Kastrationen, die Gutachten, die Zwangsbehandlungen und die unverrückbare psychiatrische Überzeugung, transsexuelle Menschen seien   
  • psychisch krank
  • pervers
  • persönlichkeitsgestört 
  • abnorm und 
  • wahnhaft
bis heute am Leben halten. 

Beispielsweise veröffentlichte Sigusch noch 50 Jahre später (1994) seine Beschreibung des „typischen Transsexuellen“:
Im ärztlichen Gespräch wirken Transsexuelle kühl-distanziert und affektlos, starr, untangierbar und kompromisslos, egozentrisch, demonstrativ und nötigend, dranghaft besessen und eingeengt, merkwürdig uniform, normiert, durchtypisiert ... Introspektions- und Übertragungsfähigkeit fehlen weitgehend ... Trotz oft unablässiger Schilderungen des Leidensweges drückt der Patient kaum Affekte aus. Bei oft gesten- und floskelreicher Redseligkeit wirkt der Patient stereotyp, monoton, fassadenhaft ... Die zwischenmenschlichen Beziehungen Transsexueller sind stark gestört, weil ihnen Einfühlungsvermögen und Bindungsfähigkeit weitgehend fehlen ... Alle Transsexuellen weisen eine Tendenz zum psychotischen Zusammenbruch unter Stress, in Krisensituationen auf." (1)

Obwohl derartige Auffassungen fachlich(-psychiatrisch) völlig obsolet sind, wird die Mär vom psychisch gestörten transsexuellen Menschen auch heute weiterhin verbreitet. Im Tea-Party-Amerika ist man diesbezüglich sehr aktiv: auch im neuen Entwurf des DSM-V werden transsexuelle Menschen als psychisch gestört klassifiziert (man greift dazu auf das Uraltetikett „Gender Dysphoria“ zurück). Und auch im deutschsprachigen Raum gibt es begeisterte Adepten des veralteten Denkens (z.B. Beier in Berlin), obwohl UNO, Europarat und europäisches Parlament vehement fordern, mit der Psychiatrisierung und der Störungsetikettiererei transsexueller Menschen endlich aufzuhören. 

Bei der WHO jedenfalls scheint diese Kritik langsam Früchte zu tragen. 
Menschenrechtsorganisationen, die sich für die Anliegen transsexueller Menschen engagieren, wurden von der WHO zu einem Dialog aufgefordert, damit Transsexualität im neuen ICD11 nicht mehr als psychische Störung aufgeführt wird.

Das vorliegende Paper (siehe Links unten) liefert die wichtigsten psychiatrischen Argumente gegen eine Psychopathologisierung transsexueller Menschen. Es ist in Deutsch und Englisch publiziert, denn auch aus den USA wurde bereits Interesse signalisiert. 

Die Links befinden sich auf der Homepage des SPD Uri (ganz unten):






Literatur:
(1)
Sigusch, V.: Leitsymptome transsexueller Entwicklungen. Wandel und Revision. In: Deutsches Ärzteblatt (1994), Nr. 91, 1455–58