Samstag, 2. November 2013

1. Schweizer Transtagung 7.–8. September 2013 in Bern


Derzeit zeichnen sich in der Trans-Diskussion zwei Trends ab. 

Einerseits gibt es seitens der Sexologenverbände (wie der WPATH) und ihrer universitären Gehilfen den Versuch, die Uhr weiter anzuhalten. Dieser eher konservativeTrend (Fixierung auf die Prinzipien der 1970er Jahre) findet somit Gefallen an der Begutachtung von transsexuellen Menschen, das Stufenschema (z.B. Psychotherapie Alltagstest körperl. Angleichung) wird eisern durchgehalten. O.k., beim Wording ist man vielleicht flexibler geworden, Frau Richter-Appelt erwägt nun beispielsweise sogar: „Ich habe so viele Transsexuelle gesehen, die voll im Leben stehen und einzig und allein im anderen Geschlecht leben wollen. Ich kann nicht sagen, dass es eine psychische Störung ist.“(1) Nichts desto trotz, im neuen DSM 5 (dem US-psychiatrischen Krankheitskatalog), findet man anstelle von "Geschlechtsidentitätsstörung"  (Baujahr 1994) das alte Etikett „Gender Dysphorie“ aus den (frühen) 1970er Jahren, das transsexuellen Menschen ab jetzt (wieder) verpasst wird. Auch die WPATH favorisiert jetzt in ihren neuen Standards of Care Nr. 7 die "Diagnose" Gender Dysphorie. Dort wird nach wie vor der Alltagstest gepriesen: 12 Monate sind Pflicht, den TherapeutInnen sind Beweise vorzulegen, dass er auch wirklich stattfindet. Angepasst wurde auch das Design der Standards: edel der elegante Schrifftyp mit pastellfarbenem (!) geschmackvollem Hintergrund … 

Ein anderer gesellschaftlicher Trend bewegt sich in Richtung Entpathologisierung von Transsexualität. Bei der Betreuung und Begleitung steht folgerichtig die Gesundheit im Mittelpunkt: Transsexuelle Menschen leiden in der Regel an ihrer dem Hirngeschlecht entgegengesetzten Körperlichkeit und können nur durch Mobilisierung ihrer Gesundheitspotenziale (z.B. TransPower, TransPride) die notwendigen medizinischen Massnahmen und Lebensweise-Änderungen umsetzen und damit das Leiden beenden bzw. den Leidensdruck eliminieren. Das geschieht höchst individuell, jede/r beschreitet dabei den eigenen, unverwechselbaren Pfad.
Das grösste Hinderniss auf diesem Wege ist die Transphobie in der Gesellschaft, welche transsexuellen Menschen oftmals ihr Leben und ihren Weg vergällt. Einen wesentlichen Faktor (als Teil der Gesellschaft) stellen transphobe TherapeutInnen dar, die den TransWeg mit Hindernissen spicken. Der Entpathologisierungstrend kann folglich nur erfolgreich sein, wenn man sich mit der TherapeutInnen-Transphobie kritisch, aktiv und nicht nur privat auseinandersetzt. Es ist deshalb notwendig, dass TransOrganisationen (und ihre Unterstützer) die Sexologen, deren Verbände, Gehilfen und „TherapeutInnen“ diesbezüglich „in die Zange nehmen“. 

In diesem Sinn habe ich  TGNS für die Berner Tagung einen Workshop zum Thema

Trans*-Betreuung/-Begleitung ohne transphobe Scheuklappen“

angeboten. Die Idee: den Spiess umzudrehen und zu beginnen, „TherapeutInnen“ ob ihrer transphoben Tendenzen zu begutachten (s. TGNS-Link Workshop-Programm). 

Zu meiner Freude: Im Workshop am 7.9. sassen, neben den transbewussten Menschen, auch eine erkleckliche Zahl von TherapeutInnen. Und: die TherapeutInnen blieben trotz provokanter Thesen ziemlich gelassen, so dass von beiden Seiten Kommunikation / Austausch auf Augenhöhe stattfinden konnte.  Aber wie so oft, waren auch diese zwei Stunden rasch verflogen, so dass nur ein kleiner (aber wichtiger) Teil behandelt werden konnte. 
Vielleicht auch deshalb, weil die sehr gelungene Transtagung – ein grosses Lob an Transgender Network Switzerlandinsgesamt einen atmosphärischen Aufbruch markierte, dem sich jede/r TeilnehmerIn „nicht so ganz“ entziehen konnte.


Meine Workshop-Materialien habe ich nun in einem Paper zusammengestellt: im Workshop selbst kam natürlich nicht alles zur Sprache, was im Paper dargelegt ist, dazu war die Zeit – wie gesagt – viel zu kurz. Es war der Wunsch der TeilnehmerInnen, für die Workshop-Nach-Lese „noch etwas mehr“ in die Hand bzw. für die Augen zu bekommen …

Viel Spass beim Lesen bzw. Nach-Lesen…


Das Manuskript finden Sie hier: Download-Workshopmanuskript


Quellen
(1) Richter-Appelt, H.:  Zitat aus dem Artikel "Das Fremde in meinem Ich" von Melanie Braun. In: Stuttgarter-Zeitung.de 10.07.2013









 
 

 
 

Kommentare:

  1. Das Papier ist toll, aber es ist ein Denkfehler darin: Es gibt einen Unterschied zwischen transgender und Transsexualität. Gender bezieht sich auf das soziale Geschlecht und sex kommt von sexus. Es ist eine Sache von Respekt, jedem Menschen zuzugestehen, dass er selbst weiss, welches geschlechtliche Lebensthema er hat. Mit ein wenig mehr Respekt, wären transsexuellen Menschen und transgender-Personen gesellschaftlich bereits weiter. Man braucht ja nut schauenn we're in Argentinien geschafft hat, das modernste Geschlechtsidentitätsgesetz der Welt einzuführen. Es handelt sich um einen Verband namens ATTTA. Die Ts stehen für Transgender, Transvestiten und transsexuelle Menschen.

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  2. Sie haben natürlich Recht. Es gibt zahlreiche Varianten von "Trans". Deswegen habe ich auch im Eingangsstatement klar gesagt, hier geht es um TS: Also um Menschen, für die die körperliche Angleichung ein wichtiges Thema ist ("Body Diskrepanz"). Das Problem besteht darin, dass ein ziemliches Kauderwelsch von unklaren Begriffen verwendet wird: niemand kann genau sagen, wie TS, TG und TV trennscharf zu unterscheiden sind. Die Grundlagentheorien (z.B. Gender-Theorie) sind mehr als dürftig. Ich greife Ihren Einwand gerne auf; in einer meiner nächsten Publikationen wird es um das Begriffsproblem gehen ("Abschied von Trans und Gender"). In einem Workshop muss man sich an Begriffe halten, die möglichst alle verstehen: niemand hätte wissenschaftliche Ausführungen über Hirngeschlechtsvarianten verstanden. Danke für den Input.

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  3. Sehr geehrter Herr Dr. Haupt,
    Folgende Texte fand ich im Internet zum Thema Transsexualität:
    http://www.dijg.de/sonderdruck-supplement/supplement-2013-transsexualitaet/fitzgibbons-sutton-o-leary-transsexualitaet/
    und
    http://www.dijg.de/transsexualitaet-geschlechtsumwandlung/operation-psychischer-konflikt/
    Im Blick auf Ihren "FETT-Test" wäre ich daran interessiert, wie Sie diese beiden Texte einordnen würden.
    Mit freundlichen Grüßen
    Petra

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    1. Der FETT ist ein Interviewleitfaden, um transphobe Tendenzen bei TherapeutInnen zu erkennen. Frau Vonholdt ist keine Therapeutin.

      Derzeit inszeniert die Evangelische Allianz, einem Sammelbecken rechtsgerichteter deutscher Protestanten, einen Kreuzzug gegen LGBT-Menschen. Dazu gehören schwulen-, lesben- und transsexuellenfeindliche Pamphlete, in denen die Märchen von Transssexualität als psychischer Störung und von Geschlechtsangleichung als Zerstörung von gesunden Organen verbreitet werden. Das Ganze wird mit Rückgriffen auf überholte sexologische/psychiatrische Uralttheorien (McHugh, Zucker, Blanchard usw.) garniert, Rückgriffe auf aktuelle fachliche Diskussionen finden natürlich nicht statt. Denn in modernen fachlichen Diskussionen hat die Psychopathologie nichts verloren. Diese Uralt-Theorien und ihre geistigen Grundlagen wurden inzwischen als menschenrechtsverletzend eingestuft (Europarat usw.).

      Zum Teil fallen Frau Vonholdt und ihren miteifernden US-Kollegen fachlich gesehen in 1950er Jahre zurück: etwa mit der Behauptung, sprechende Psychotherapie wäre bei Trans geeignet. Selbst die erzkonservative deutsche Psychiatrie hatte sich Anfang der 1960-er Jahre von derlei verabschiedet (J.M. Burchard: Struktur und Soziologie des Transvestitismus und Transsexualismus. Beiträge zur Sexualforschung, Heft 21. Stuttgart 1961).

      Es ist keine fachlich-medizinische Diskussion, die da inszeniert wird. Es geht um Rollback und Ausgrenzung von transsexuellen Menschen durch evangelische Christen.

      Im Übrigen, wo wir schon bei den Mythen sind: Mich wundert immer wieder die Verzerrung einfachster Tatsachen. Das Phänomen Trans (in welcher Form auch immer) ist uralt und seit Jahrtausenden gesellschaftlich in vielen Kulturen verbreitet. Seit Urzeiten ist Genitalangleichung Thema von transsexuellen Menschen, wird zum Teil seit Jahrhunderten wenn nicht Jahrtausenden auch in Form religiöser Rituale im gesellschaftlichen Massstab praktiziert (z.B. Kastration bei den Hijra in Indien).

      In der Medizin tat man eine Zeit lang so, als sei Geschlechtsangleichung erst entstanden, seit die moderne Medizin hormonelle und genitale Angleichungen ermöglicht habe. Das wurde dann mit der im 19. Jahrhundert kreierten Psychiater-("Wahn")Vorstellung, transsexuelle Menschen seien psychisch gestört, verknüpft. Daraus wurde zweitweilig dann ein völlig absurdes, widersinniges Konstrukt: nämlich die medizinisch-körperliche Behandlung als Kompensation der Unmöglichkeit die (Persönlichkeits-) Störung Transsexualität psychiatrisch erfolgreich zu behandeln. Diese Konstruktionen beginnen sich nun angesichts aktueller Menschenrechtsdebatten aufzulösen. Sichwort: Entpathologisierung.

      Ganz anders noch die Debatten in kirchlichen/religiösen Kreisen: hier geht man offenbar gleich zwei Schritte zurück; es wird wieder dem Wahn der "psychischen Störung Transsexualität" gefrönt und die längst verstorbene Theorie der Psychotherapeutischen Umwandlung von Transsexualität hin zur „normalen Geschlechtlichkeit“ (statt Operation) feiert Wiederauferstehung. Hierin scheinen sich rechtsgewirkte evangelische Christen der Evangelischen Allianz, Kreuzzüglerinnen wie Frau Vonholdt (Leiterin des Arbeitsbereichs Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG)) und die Offensive Junger Christen, immerhin einem Mitglied im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland, dreieinig.

      Viele werden sagen: "Na, und? Lasst sie doch, die Eiferer! Wen stört's?"

      Zum einen: wir wissen, was radikalisierte Chrsiten so alles anstellen können (s. http://de.wikipedia.org/wiki/George_Tiller).

      Zum anderen einen Satz Martin Niemöllers zum Bedenken:

      "Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
      Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
      Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
      Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."

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  4. Kennen sie folgendes Video: http://m.ardmediathek.de/Gefaehrliches-Heilsversprechen-Wie-religioese-Fundamentalisten-Homosexelle-quaelen?docId=18294334&pageId=13932928 - was sagen Sie zur Stellungnahme von Dr. Mahler darin? Gibt es eine ähnliche Argumentation der Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie?

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  5. Sehr geehrter Herr Dr. Haupt,
    Glauben Sie, dass es bei transsexuellen Menschen im Blick auf die Psychopathologen auch eine Art "Stockholm Syndrom" gibt (vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Stockholm-Syndrom)? Ich habe bei manchen, die von sich behaupten, BsBDS zu haben, den Eindruck, dass sie selber sich mit denen identifizieren, die uns vor "Irrwegen schützen" wollen. So wird dann vor "Dysmorphophobie" gewarnt und diejenigen wollen dann fleißig nach "Motiven forschen", warum jemand von sich behauptet transsexuell zu sein.
    Ich verstehe nicht, warum transsexuelle Menschen selber meinen, eine Art "Motivkontrolle" bei anderen TS machen zu müssen. Führt das nicht wieder zu neuer Pathologisierung?
    M.E. muss jeder Mensch selber wissen, was er/sie tut, wenn er anfängt, Hormone nehmen zu wollen, eine Epilation durchführen will oder eine GaOP plant und es ist doch nicht Aufgabe von transsexuellen Menschen, das zu tun, was eigentlich Aufgabe von ausgebildeten Medizinern wäre (wobei die andere Frage ist, ob transsexuelle Menschen für die Transition Hilfe von klassischen Psychiatern brauchen oder primär vom Hausarzt, denn vom Endokrinilogen und allenfalls als Coach freiwillig Psychotherapeuten...)

    Wie würden Sie mit diesem "Stockholm Phänomen" bei transsexuellen Menschen umgehen?
    Viele Grüße aus Niederbayern!
    Dorothea Zwölfer

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  6. Sehr geehrter Herr Dr. Haupt,
    sie als Neuro- Psychologen möchte ich eine Frage stellen, die nur indirekt mit TS zu tun hat:

    Ist es heute möglich, das Neurophysikalische Geschlecht eines Menschen, mit fMRT feststellen? Also wenn die Untersucher nicht das Geschlecht der Probanden wissen, können sie blind, das Geschlecht, zweifelsfrei, per fMRT bestimmen?

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