Samstag, 31. Dezember 2016

Mogelpackungen

Es gibt im TT-Bereich eine breite, grosse Koalition. Mittlerweile erscheint scheint es unumstösslich und unhinterfragbar, dass die medizinische Behandlung transsexueller Menschen nach dem „Informed-Consent“ Konzept zu erfolgen hat.
An sich ist „Informed-Consent“ ja eine gute Sache, weil sie dem Medizinpatriarchentum Einhalt gebietet.
Informed Consent (informierte Zustimmung) bedeutet das Einverständnis eines Patienten zu einer Diagnose- oder Therapiemaßnahme nach ärztlicher Aufklärung. Dieser Begriff basiert auf dem Respekt vor der autonomen und selbstverantwortlichen Person. Informed Consent erfordert zunächst eine ärztliche Aufklärung. Erst dann kann der Patient seine Zustimmung erteilen. Dies dient nicht nur der rechtlichen Absicherung des Arztes, sondern in erster Linie dem Wohlbefinden des Patienten. Deswegen soll der Inhalt einer Patientenaufklärung nach den Patientenbedürfnissen strukturiert werden. Die medizinische Aufklärung des Patienten darf nicht als einfache Mitteilung einer Information, sondern auch als eine Orientierung, auf die hin der Patient einer Intervention zustimmt oder sie ablehnt, verstanden werden. Somit bleibt dieser Teil der Arzt-Patienten-Interaktion ein entscheidendes Moment für das Wohlbefinden des Patienten (1)
Das klingt ganz vernünftig, ohne die ausdrückliche Willenserklärung der PatientInnen läuft gar nichts. Das macht jeder Chirurg so, bevor er mit der Operation loslegt. Das ist ok.
Im englischen Sprachraum nennt man „Informed Consent“ auch „Shared Decision Making“, zu deutsch etwas ungenau übersetzt mit „partizipative Entscheidungsfindung“.
Soweit.

Aber im TT-Bereich ist es eine Mogelpackung. Gerichtssexologen wie Nieder und Güldenring machen was ganz anderes draus.
O-Ton Nieder:
Aus klinischer Sicht scheint empfehlenswert, das Modell der Partizipativen Entscheidungsfindung in der Versorgung von Transgender-Personen stärker zu berücksichtigen. (2)
Klingt doch ganz gut – oder?
Jetzt kommt – in mitten all dem milden partizipativen Gesäusel – beinhart das Transgender-Geschäftsprinzip:
Die Aufgabe spezialisierter Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie Psychiater und Psychiaterinnen ist es somit, die Diagnose des Transsexualismus (ICD-10) bzw. der Geschlechtsdysphorie (DSM-5) zu stellen, die vorliegenden Probleme im Zusammenhang mit der Geschlechtsinkongruenz zu erfassen (und ggf. psychotherapeutisch zu behandeln) und bei Bedarf sowohl somatomedizinische Maßnahmen zu indizieren als auch die betreffende Person über den sozialen Geschlechtsrollenwechsel und die körperlichen Veränderungen hinaus zu begleiten. (3)
Tja, und wo bleibt da „Shared Decison Making“? Die Indikation stellt der „Gender-Spezialist“. Wie gehabt. Nix Neues unter der Sonne.
Ich gehe aber noch weiter. Selbst das partnerschaftliche „Informed-Consent“-Modell hat im Bereich des geschlechtlichen medizinischen Embodiments nichts verloren, nämlich da, wo es um die grundsätzliche Entscheidung geht, was wann gemacht werden sollte. Hier hat ein Mitspracherecht von irgendwelchen Ärzten oder Psychologen bei der persönlichen Entscheidung der PatientInnen, was wann am Körper verändert werden sollte, nichts verloren. Weder der Chirurg, noch der „EndUroGyn“ noch Gerichtssexologen wie Nieder, Strauss oder Güldenring dürfen bei den Grundsatzentscheidungen mitreden. Ausdrücklich: NOGO. Darf nicht sein. Punkt.
Das ist auch den meisten AktivistInnen in der Community keineswegs so richtig klar. Selbst in der von mir geschätzten und unterstützten Stuttgarter Erklärung sind da Unschärfen unterlaufen.
O-Ton Stuttgarter Erklärung:
"Ziele einer Behandlung/Therapie, sowie was und in welcher Reihenfolge getan werden muss, sollte gemeinsam und mit beiderseitiger Zustimmung individuell festgelegt und gemeinsam sollte an deren Erreichung gearbeitet werden." (4)
Das sehen Nieder und Güldenring auch nicht anders: De fakto läuft dies auf die Zustimmungserfordernis des Psychiaters/Psychologen, in den neuen Begriffs-Schläuchen des „Gender-Spezialisten“, zu den medizinischen Massnahmen und deren Reihenfolge hinaus. „Informed Consent“ mal so verstanden, dass die KD-Erfahrenen weiterhin betteln müssen, ob sie die Zustimmung bekommen. Die dann auch gnädigerweise erteilt wird, wenn sie in der Augen des Psychosexologen "reif genug" sind.

Sarkastisch formuliert: Mit dem Ergebnis, dass glückliche Schafe in diversen Transgender-Foren blöken, ihr „Thera“ habe endlich zugestimmt, dass sie Hormone haben "dürfen".

Das "Shared Decision Making"- bzw. „Informed Consent“-Prinzip widerspricht der geschlechtlichen Selbstbestimmung und höhlt sie aus. Ich vermute, die von mir sehr geschätzten ATME-AktivistInnen sind den "Theras", die damals in der Weissenburg mit von der Partie waren, diesbezüglich auf den Leim gegangen.

Tatsächlich ist einzig der Gesundheitsoutcome in Gestalt des zunehmenden Wohlbefindens während des medizinisch-geschlechtlichen Embodiments der "PatientInnen" massgeblich, sie entscheiden aufgrund der sich entfaltenden „Kongruenzdynamik“ – Begriff in Anlehnung an Conny Kunert (5) – ganz alleine, welches die nächsten Schritte sind sein müssen. Und bedürfen dazu keinerlei Zustimmung. Durch wen auch immer. Das „Shared Decision Making“-Modell bzw „Informed Consent“-Konzept sind völlig ungeeignet, hier ethische Massstäbe zu sein. Fürsorge und Verantwortungsübernahme durch den Gender-Spezialisten, wenn auch „nur“ teilweise, sind durch die alleinige Entscheidungsbefugnis der Körperdiskrepanz-Erfahrenen zu ersetzen, nämlich allein zu bestimmen/entscheiden, was wann mit ihrem Geschlechtskörper passiert. Ohne hinterfotzige Zusätze wie „letztlich“ oder „einverständig“. Der Arzt (z.B. Chirurg) unterstützt durch sein Fachwissen und seine ärztliche Erfahrung die PatientInnen, damit diese – an ihren eigenen Werten und dem evidenzbasierten medizinischen Outcome „Gesundheitsverbesserung“ orientiert – entscheiden können, was für sie gut ist. Wenn man das Marbella-Facial-Team, Herrn Dr. van de Ven, Herrn Dr. van der Dussen oder Herrn Dr. Suporn konsultiert, dann machen sie als sehr erfahrene Fazialchirurgen Vorschläge, damit die Patientin ihre Entscheidung trifft, was zu tun ist. Alles andere ist NOGO. Und nur das zählt dann auch. Da braucht es keinen gerichtlich-sexologischen Wichtigtuer dazwischen.
Es ist ja auch eine existentielle Entscheidung, bei der es nicht wirklich ein Zurück gibt. Diese Bedeutsamkeit sollte Anlass sein, die alleinige Verantwortung der PatientInnen für ihren Geschlechtskörper ernst zu nehmen.
Es bedarf dazu keines bedeutungsschwangeren Gehabes fürsorglicher Gender Spezialisten und auch keiner verschwiemelten forensischen „Trans*“-Gutachten.

 
(2) Timo O. Nieder, Peer Briken, Hertha Richter-Appelt: Transgender, Transsexualität und Geschlechtsdysphorie: Aktuelle Entwicklungen in Diagnostik und Therapie PSYCH up2date 7 2013 DOI http://dx.doi.org/10.1055/s-0033-1349534 VNR 276, 380

(3) Timo O. Nieder, Peer Briken, Hertha Richter-Appelt: Transgender, Transsexualität und Geschlechtsdysphorie: Aktuelle Entwicklungen in Diagnostik und Therapie PSYCH up2date 7 2013 DOI http://dx.doi.org/10.1055/s-0033-1349534 VNR 276, 379

(4) Stuttgarter Erkärung: PDF-Version der „Stuttgarter Erklärung“ zitiert, in  [ http://die-erklaerung.de/wp-content/uploads/ 2015/04/StuttgarterErkl%C3 %A4rung_FINAL_websmall.pdf ] (letzter Zugriff: 15.05.2016)

(5) Cornelia Kunert, „Werden wollen, wer man wirklich ist. Transsexualität als konstitutionelle Geschlechtsinkongruenz - ein personzentrierter Standpunkt,“ Person, Bd. 17, 2013, 34-46.

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