Sonntag, 27. August 2017

Eine bemerkenswerte Tagung

Am 4. und 5. August fand in Darmstadt die erste internationale TransEthik-Arbeitstagung (mit TeilnehmerInnen aus 5 Ländern) statt. Eingeladen hatte das Institut für Theologie und Sozialethik (iths) der TU Darmstadt und die Deutsche Gesellschaft für Health Consumer Ethics (DGHCE).
Ziel: Den transethischen Diskurs zu eröffnen, hin zur primären Grundsatzfrage: Was ist meine grundsätzliche ethisch-moralische Position zu Menschen mit Transsexualität? Es wurde bei den Einladungen der Mitdiskutierenden Wert auf Interdisziplinarität gelegt.

Prof. Udo Rauchfleisch (Basel) reflektierte ethisch seine 45-jährige Praxis als Transitionsbegleiter, zeigte die vielfältigen Wandlungen und hautnah erlebten ethischen Widersprüche auf. Dr. Bart van de Ven (Antwerpen) schilderte die ethischen Prinzipien der Fazialchirurgie und ihre ethischen Dilemmata. Dr. Erik Schneider (Luxemburg) beschrieb in einem sehr berührenden und engagierten Beitrag die ethischen Grundkonflikte beim Thema TransKinder. Prof. Maier-Höfer (Darmstadt) gab Einblicke in ihr TransKinder-Forschungsprojekt und die dahinterstehenden Überlegungen, das von der Konzeption her unserem Autographenprojekt sehr ähnlich ist. Prof. Lukas  Ohly (Frankfurt/Main) skizzierte die Zusammenhänge von Ethik, evidenzbasierter Medizin und Transsexualität aus philosophischer Sicht. Mein Beitrag ( beschäftigte sich speziell mit dem Werk eines Philosophen, nämlich Emmanuel Levinas und seinen bahnbrechenden ethischen Konzepten, wobei ich versuchte zu skizzieren, inwiefern sie beim Thema Transsexualität relevant sind.
Danach fanden wir uns spätabends ziemlich erschöpft in der Hotel-Bar zu einem gemütlichen Ausklang. Die Diskussionen gingen weiter …

Nächster Tag: PD Dr. Kurt Seikowski (Leipzig) eröffnete sehr eindrücklich mit persönlichen ethisch-moralischen Statements zum Spannungsfeld von Transsexualität, Ethik und Sexualwissenschaft. Prof. Livia Prüll (Mainz) zeigte medizin-ethische Perspektiven der „Parallelwelt“ transidenter Menschen auf. Die Psychotherapeutin Mag. Cornelia Kunert (Wien) skizzierte in ihrem Beitrag die paradigmatische Wende hin zur „Erste-Person-Perspektive“ bei der Behandlung transsexueller Menschen. Jack Walker (St. Gallen) beleuchtete in einem sehr persönlich gehaltenen Beitrag die vielfältigen, komplexen Zusammenhänge von Trans*, sozialer Arbeit und Ethik. Dr. Gerhard Schreiber (Darmstadt) gab einen sehr spannenden Überblick über die Bemühungen der Theologen sich dem Thema Transsexualität anzunähern.
Als Vertreterinnen von Trans-Organisationen waren Petra Weitzel (dgti) und Alexia Kutschmar (trans-evidence) gekommen und haben sich erfolgreich in die Diskussionen „eingemischt“. Danke Petra und Alexia.
Fazit von Petra: „Gerne Wieder, es war eine sehr angenehme Atmosphäre, so macht die Arbeit Spaß. Und der Abend natürlich auch“.
 
Fazit der Tagungsteilnehmer_innen: Das Konzept einer Arbeitstagung mit offenen, fachlich spannenden und engagierten (Ethik!) Diskussionen hatte sich bewährt, die Atmosphäre der Tagung war förderlich, „gut“ und inspirierend; die Lust auf Folgeveranstaltungen ist ungebremst. Alle freuen sich auf die Buchveröffentlichung. Voraussichtliches Thema im nächsten Jahr: „Der transethische Zusammenhang von Peer-Begleitung, Therapie und Seelsorge“.
Nachtrag: Der Name des Tagungsorts „Welcome-Hotel“ wurde von den Teilnehmer_innen als treffendes Symbol für die Tagungsatmosphäre erachtet.
Also – Welcome 2018 in Darmstadt.

Liebe Grüsse – nach zwei sehr eindrücklichen und überdenkenswerten Tagen
Claudia Haupt (Luzern)

Samstag, 18. März 2017

VERSICHERUNGSMEDIZINISCHES GATEKEEPING – WAS TUN? WEITER JAMMERN?

Ich will mal ein Thema anreissen, dass eher ein Tabu darstellt und mit dem sich unsere Trans(*)vereins-Politiker nicht so gerne beschäftigen. Das Thema eignet sich so überhaupt nicht für den Aufbau von Fronten und Feindbildern (was ja des Vereinsmeiers Lieblingsbeschäftigung ist).
So – genug geätzt 😊

Zur Sache: Es gibt eine Ebene der „Fremdbeurteilung“, die in den Diskussionen zum Thema „Gatekeeper“ meist ausgeblendet wird: Das sind Notwendigkeiten von Sozialversicherungen, Kostenübernahmeanträge auf medizinische Leistungen versicherungsmedizinisch zu überprüfen. Krankenkassen und Rentenversicherungen dürfen tatsächlich nicht „einfach so“ Operationen oder andere kostenintensive Maßnahmen finanzieren, ohne vorher die medizinische Sinnhaftigkeit geprüft zu haben. Das sind sie der Versichertengemeinschaft und dem Solidarprinzip schuldig. Auch dies ist eine Art Gatekeeping. Auch hier wird „aussortiert“. Die medizinische Disziplin, die sich mit derartigen Problemstellungen beschäftigt, heisst „Versicherungsmedizin“ und ist ein Spezialgebiet mit ganz eigenen Fachbegriffen.

Hier kreuzen sich in der Praxis von Versicherungen zwei Tendenzen: Nämlich (1) die neoliberale Tendenz der Mainstream-Politiker und ihrer Finanziers aus den Konzernzentralen und Unternehmerverbänden, den Sozialabbau voranzutreiben-. Diese Unternehmerdenke hat auch vor den Krankenkassen nicht haltgemacht und daher werden viele Leistungen „aus Prinzip“ gekürzt, verweigert, man will, dass die Versicherten möglichst viel selbst bezahlen. Man will die ganzen sozialen Schutzeinrichtungen möglichst zum Verschwinden bringen. Das ist offizielle staatliche („neoliberale“) Politik (auch von CDU/SPD und FDP) seit der Reagan-Thatcher-Ära. Genschers berüchtigter Ausspruch von der „sozialen Hängematte“ ist da so ein typisches Beispiel ... Entsprechend diesem Prinzip verfahren auch die medizinischen Dienste der Krankenkassen ziemlich rigide und lehnen auf Teufel komm raus ab.

(2) Andererseits – und nun kommen wir zum Kern: Versicherungsmediziner haben oft Probleme die medizinischen Begründungen „pro GaOP“ von Ärzten und Psychologen nachzuvollziehen.

Diese Stellungnahmen sind fachlich schlecht erstellt, mit Textbausteinen, auf den Einzelfall wird nicht eingegangen. Der (historisch gesehen) letzte Arzt, der noch ernsthaft sich mit den Phänomenen (zumindest vorurteilsärmer als seine Kollegen) auseinandergesetzt hat und viele bunte Fälle beschrieben hatte, war Magnus Hirschfeld (etwa im seinem Transvestitenbuch von 1910). Er war der letzte, der sich eingehend mit den Phänomenen beschäftigt hat. Seitdem kommen von der Medizin, speziell den Psychoanalytikern, nur Peinlichkeiten über transsexuelle Menschen zu Papier, die vor Klischees und Unverständnis nur so strotzen.

Zudem ist durch diesen ganzen Gutachtenwahnsinn des TSG bei Patienten eine massive Abwehrhaltung vorhanden, nur nichts Preis zu geben, was zum „Verhängnis“ werden könnte – mit der Folge, dass Ärzte und Psychologen tatsächlich nichts über ihre Patienten wissen.

Die Sexualpsychologen und Sexualpsychiater mit ihren Genderklischees (z.B. über die Jungs, die gern mit Puppen …) verbreiten primitive Vorstellungen, „wie man Transsexuelle so erkennt“, auch das erleichtert nicht gerade ein echtes Verständnis der Phänomene/des einzelnen Patienten und zeigt sich dann in Standardtextschnipseln wie „spielte mit Puppen“, „fühlte sich unter Mädchen wohl“, „hasste seinen Penis“ usw.

Ein anderer Punkt: So richtig gerne das eigene Innere anschauen und sich mit sich intensiv-schonungslos-ehrlich auseinandersetzen, das mögen viele Patienten auch nicht. Lieber gamen und mit dem Smartphone … das ist doch cool und easy. Bloss keine Innenschau, das ist doch echt mühsam. Und auch Therapeuten mögen lieber in den „Sitzungen „zwanglos plaudern“ … das ist doch dann einfach verdientes Geld. Oder sie nerven mit Psychotherapeutengetue („Was macht das in Ihnen … ein Stück weit …?).

Die Chancen, dass der Arzt in der Versicherung einen realistischen Bericht bekommt, in dem das drinsteht, was den Patienten bewegt und worum es wirklich geht, ist also gering.

Aufgrund des (oft berechtigten) Misstrauens gegenüber den Kostensenkungsrittern in den Krankenkassen wird gerne auch aus strategischen Gründen übertrieben, damit die Kasse die Leistung finanziert.

Erschwerend kommt hinzu: Die meisten Ärzte und Psychologen haben von Versicherungsmedizin nicht die blasseste Ahnung, kennen noch nicht einmal die einfachsten Grundbegriffe dieser Disziplin und auch die Denke der Evidenzbasierung, die für Versicherungsmediziner ein „must“ darstellt, ist den meisten Ärzten/Psychos ein Buch mit sieben Siegeln. Versicherungsmediziner müssen sich an die Fakten halten, ihre Stellungnahmen werden vom Verwaltungsjuristen überprüft. Sie müssen alles belegen und akzeptieren nur Dinge, die gut belegt sind. Wenn ein Psycho schreibt: „Aufgrund meiner jahrelangen klinischen Erfahrung weiss ich, dass Patient arbeitsunfähig ist. Das IST so!“, genügt das nicht. Er muss es genau und anschaulich darlegen, sonst ist es für den Versicherungsmediziner nicht nachvollziehbar.
Und: In der Versicherungsmedizin kreist das Denken vor allem um Pathologie, der "Gesundheitsschaden ist auszuweisen", wie es in der Fachterminologie heisst. Patho-Denke pur, die Diagnose muss GESICHERT sein. Denn: die KRANKENversicherung versichert das Risiko krank zu sein/werden, ist also dazu da, die Risiken bzw. existenzbedrohlichen, wirtschaftlichen Folgen von Krankheiten abzufedern. Daher muss als allererste Voraussetzung klar sein, dass der Versicherte im Versicherungsfall auch wirklich krank IST. Das gilt es "wasserdicht" festzustellen, damit die "Mittel fließen" können. Und genau das -- nämlich die Krankheit/Diagnose -- ist bei TS/TG/NIBD ja nicht so einfach evident. Bei Grippe, da ist das klar. Und schön einfach festzustellen. Bei TS ist es ja durchaus zweifelhaft, ob es sich überhaupt "direkt" um eine Krankheit handelt, und falls ja, um welche Art ... Normvarianten werden ja nicht KRANKENversichert -- oder doch, wenn z.B. ... Oder wie bei im Fall Schwangerschaft ... ja auch ... weil ...
Nicht so einfach für den "einfachen" Vertrauensarzt, zumal von den "Fachleuten" auch oft nur Mist kommt (siehe oben: "Jungs, die mit Puppen ...") ...

Alles in allem: – ein auswegloses Dilemma? Gibt es ein/kein Rezept, um aus der Misere herauszukommen? Eine interessante Diskussion, die der Transcommunity, aber auch den "Professionalisten"  wohl nicht erspart bleiben wird.

Montag, 2. Januar 2017

2016 -- Ein gutes Jahr

In das medial orchestrierte 2016-Bashing kann ich nicht einstimmen. 2016 war ein gutes Jahr. Es gab für mich als „Trans“-Aktiven/“Trans“-Engagierten eine Reihe von erfreulichen Erfolgen. Das Entsetzen über die betrübliche Toilettenregelung in North Carolina stand zwar im Vordergrund des medialen Interesses; im Kontrast dazu möchte ich von mir positiv erlebte Trans-Highlights aus 2016 beleuchten. Schweizer Uhren gehen etwas anders als US-amerikanische. Und das ist auch gut so.

Medizinische Fachstelle für Transgenderpersonen Luzern

Gleich im Januar erfolgte seitens der Gesundheitsdirektion des Kanton Luzern die Benachrichtigung, dass wir offiziell als Medizinische Fachstelle für Transgenderpersonen einen kantonalen Leistungsauftrag bekommen. Dies war das Startsignal in Luzern ein entsprechendes Ärztenetzwerk aufzubauen. Dies hat den Vorteil, dass transsexuelle Menschen aus der Zentralschweiz nicht mehr nach Zürich oder Basel pilgern müssen und sich hier in der Region die ärztlichen Behandler im Netzwerk aussuchen können. Insbesondere im Bereich der endokrinologischen Versorgung brachte dies eine Entlastung, weil es schweizweit nur ein paar, völlig überlaufene und z.T. überforderte Praxen gibt, die transsexuelle Menschen begleiten und die Hormontherapie unter gewaltigem Zeitdruck durchführen. Auch in der Fachstelle vermochten wir weitere spezialisierte TherapeutInnen anstellen, was zu einer Differenzierung des Therapieangebots geführt hat. Auch konnten wir in 2016 in der Auseinandersetzung mit den Krankenkassen das versicherungsmedizinische Profil der Fachstelle schärfen: Es ist mittlerweile für Krankenkassen sehr schwierig, unsere Anträge auf Kostengutsprachen abzulehnen. Allerdings – ohne ein gewisses Mass an ehrenamtlichen Engagement ist das nicht zu machen – die Gutachten sind sehr wirksam aber ihre Erstellung ist auch sehr zeitaufwändig. Insbesondere die Zusammenarbeit mit der Rechtsberatung von TGNS war hier hilfreich; ich habe Alecs Recher als sehr kompetenten und engagierten Juristen kennen gelernt. Ihm geht es um die Sache, um Gerechtigkeit, nicht um persönliche, finanzielle Bereicherung (was zu meiner Verblüffung mein Bild von Juristen korrigiert hat). Generell: Transgender Network Switzerland (TGNS) hat sich ganz wesentlich zu einem hochwirksamen Schweizer Dachverband von und für „Transmenschen“ entwickelt. Henry Hohmanns Präsidentschaft hat den Verband weiter nach vorne gebracht. Sehr positiv überrascht haben mich auch die neuen TGNS-Info-Materialien, die wir natürlich in unsere Fachstellenbibliothek integriert haben und unter den Interessierten verteilen. Diese Info-Materialien sind sehr gut gemacht, Hannes Rudolph und seine Mitstreiter haben ganze Arbeit geleistet. Die Resonanz ist sehr positiv.
Auch die Zusammenarbeit mit den Zentralschweizer IV-Stellen gestaltete sich sehr erfolgreich. Wir hatten keine ablehnenden Verfügungen mehr zu verzeichnen. Die IV-Stellen sprachen grosszügig vor allem berufliche Massnahmen zu. Das Bemühen der IV-Stellen die Zusammenarbeit mit den Ärztinnen zu verbessern zeigt deutliche Erfolge; die Kommunikation zwischen FachstellenmitarbeiterInnen und IV-BerufsberaterInnen bzw. IV-SachbearbeiterInnen (Fachpersonen Leistung) ist mittlerweile ausgezeichnet.
Das alles hat zu einem deutlichen Zuwachs an KlientInnen geführt; durch den Fachstellenstatus konnten und können wir entsprechend dem Bedarf den Stellenschlüssel ausweiten.

 

Die Frankfurter Konferenz

Im Februar dann der nächste Paukenschlag: Vom 4. bis 6. Februar fand in Frankfurt am Main an der dortigen Goethe-Universität eine grosse internationale, interdisziplinäre Konferenz statt. Konferenzthema war: „Transsexualität. Eine gesellschaftliche Herausforderung im Gespräch zwischen Theologie und Neurowissenschaften“. Eine derart umfassende Herangehensweise an das Thema Transsexualität im Rahmen einer wissenschaftlichen Konferenz hatte es zuvor im deutschsprachigen Raum noch nicht gegeben. Das thematische Anliegen formulierte der Konferenzinitiator und -organisator Gerhard Schreiber wie folgt:
Transsexualität galt jahrhundertelang als schwere psychische Störung: Man ging davon aus, dass die persönliche Überzeugung, einem anderen Geschlecht anzugehören als dem genital festgelegten, eine Art Wahn o.Ä. darstellt. Man glaubte, das „wahre“ Geschlecht werde durch die Genitalien exakt und unzweideutig angezeigt.
In den letzten 20 Jahren hat die Wissenschaft eine neue Ära der Bemühung eingeleitet, transsexuelle Menschen besser zu verstehen. Dank der Erkenntnisse neuro- und biowissenschaftlicher Untersuchungen wird Transsexualität nunmehr als angeboren betrachtet, biologische Grundlage ist das Gehirn (Milton Diamond: „Das wichtigste Sexualorgan sitzt zwischen den Ohren“); das Gehirn ist die Basis des eigenen Geschlechtsbewusstseins - und des eigenen Geschlechtes. Transsexuelle Menschen besitzen mithin ein tiefes inneres Wissen, ein Geschlecht zu haben, das ihnen bei der Geburt nicht zugewiesen, sondern vorenthalten wurde. Daher sind in diesem Fall die Genitalien in gewisser Weise geschlechtlich „diskrepant“ zum Gehirn. Das explizite Bedürfnis der Betroffenen nach Angleichung von Körper und Lebensweise an das eigentliche Geschlecht wird aus heutiger Sicht als natürlich und nicht-pathologisch beurteilt.
Weitgehend unbeeindruckt vom wissenschaftlichen State of the Art zeigen sich bislang Theologie und Kirche. Die gründliche, insbesondere systematisch- und praktisch-theologische Reflexion von Transsexualität im Interesse eines veränderten Umgangs mit transsexuellen Menschen als Teil nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der kirchlichen Gemeinschaft, ist daher ein dringendes Desiderat, das die geplante Konferenz zumindest ansatzweise beheben soll. Zentrales Anliegen dieser Konferenz ist der offene und sachlich vorurteilsfreie Dialog zwischen Theologie und Neuro- bzw. Biowissenschaften über Geschlechtervielfalt am Paradigma der Transsexualität. Die Konferenz stellt nach Thema und Spektrum der beteiligten Disziplinen ein Novum dar und versteht sich als Plattform für den inner- und interdisziplinären Austausch über eine aktuelle gesellschaftliche Herausforderung ersten Ranges.“ (1)
Die Liste der internationalen Referenten war eindrücklich, sowohl die Themenvielfalt als auch das Renommee betreffend. Die Teilnehmerzahlen bewegten sich im dreistelligen Bereich, was für ein derartiges Thema ungewöhnlich ist. Mir wurde die Ehre zuteil, die Keynote am Freitag halten zu dürfen (Thema: „Abschied von Trans und Gender – evidenzbasierte Zugänge zu Mustern geschlechtlicher Vielfalt“). Im Rahmen dieser Keynote erfolgte ein inhaltlicher interdisziplinärer Brückenbau zwischen Neurowissenschaften, Phänomenologie, evidenzbasierter Medizin und Ethik. Zusammen mit Meike Wiedemann hielt ich am letzten Tag noch ein Referat zum Thema „Neurofeedback und Transition“, zudem gestaltete ich zwei Workshops. Diese grosse internationale Konferenz war auch insofern ein Novum, weil Trans-Engagierte und Trans-Aktive (also trans-erfahrene Menschen) aus der Community bei der Vorbereitung und als Referenten eine zentrale Rolle spielten. Erstmalig fand hier Wissenschaft unter Einschluss vontrans“erfahrenen Menschen als Partizipierende statt, nicht mehr also aus der Perspektive als „zu Beforschende“. Die bekannte transsexuelle Pfarrerin Frau Dorothea Zwölfer hatte ja die Konferenz zusammen mit Herrn Schreiber initiiert, ihr gebührt ein grosser Verdienst. Danke, Doro.
Gefreut hat mich, dass der Präsident von TGNS Henry Hohmann ebenso als Referent und Grusswortspender involviert war,
wie auch als Workshopleiter Jack Walker, ein Mitstreiter (nicht nur) bei TGNS. Danke Henry und Jack.
Auch Mitsteiter aus der Trans-Evidence-Working-Group halfen fleissig mit den Kongress vorzubereiten und stellten Referenten / WorkshopmoderatorInnen.
Das mediale Echo auf die Konferenz war im gesamten gesehen gewaltig und sehr positiv. Es konnten neue wichtige Entwicklungen angestossen werden.

 

Das Buch

Gerhard Schreiber, der Kongressorganisator, ist nicht nur ein Peer der internationalen Sozialethikforschung und international führender Kierkegaard-Spezialist, sondern auch ein sehr cleverer Konferenzmanager. Er hat das Kunststück fertig gebracht, auf der Basis der Konferenzbeiträge ausserdem noch ein dickes Buch zum Konferenzthema (und darüber hinaus) entstehen zu lassen. Das Buch erschien im international renommierten Wissenschaftsverlag Walter de Gruyter; Titel des Buchs: Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaften – Ergebnisse, Kontroversen, Perspektiven (2). Dazu hatte er auch AutorInnen, die in Frankfurt nicht referiert hatten, eingeladen, Beiträge für das Buch zu schreiben. Und auch uns Referenten hat er – ausgesucht höflich, aber in der Sache unerbittlich – zu weiteren Höchstleistungen angespornt, die Kongressreferate in veritable wissenschaftliche Fachartikel „umzugiessen“. Das bedeutete, drei Dutzend kostenlos arbeitende AutorInnen (aus 4 Kontinenten), einen Englisch-Lecturer (von der Yale-University) und die exakten zeitlichen Vorgaben des Verlagsmanagements in Einklang zu bringen. Nicht nur der Urlaub von Herrn Schreiber fiel ins Wasser, sondern auch die Ferienpläne einiger AutorInnen. Dafür ist aber auch ein kompakter Reader zum Thema entstanden, der – wie man in Wien zu sagen pflegt – „alle Stückeln spielt“. Auch ich wurde gebeten einen Grundsatzartikel zu liefern, der das Thema Transsexualität aus neurophänomenologischer Sicht beleuchtet. Herausgekommen ist dabei ein neuer Ansatz das Thema Transsexualität wissenschaftlich, medizinisch und ethikbezogen anzugehen. Genaueres werde ich einem eigenen Blog-Artikel schreiben, da es den Rahmen eines Jahresrückblicks sprengen würde.

 

Die neue Ethik-Fachgesellschaft

Im Zuge der Konferenz- und Buchdiskussionen wurde klar, dass bisherige wissenschaftliche Diskussionen über „Transsexualität“ kaum Erkenntnisse der evidenzbasierten Medizin aufgenommen haben. Es wird zwar von den sexualwissenschaftlichen Fachgesellschaften so getan, als kümmere man sich drum, aber die Realität ist eine andere. Der gesellschaftliche Diskurs wird nach wie vor von den sexualpsychiatrischen und -psychologischen „Experten“ dominiert. Eine wirkliche hochwertige, evidenzbasierte medizinische Forschung findet nicht statt. Die Versorgung enthält erhebliche Anteile eines „Transgender-Business“. Nach wie vor ist die wissenschaftliche Faktenlage dünn, das hat auch der Kongress gezeigt. Daher muss die Forschung endlich auf die Beine kommen. Dabei ist entscheidend, in wessen Interesse geforscht wird. Wer ist der Souverän, welche Werte zählen bei Entscheidungen medizinischer Art? Hier prallen die Interessen und Werte der sexologischen Fürsorger / bzw. „Transgender“-Business-People und die Interessen der Gesundheitskonsumenten / bzw. unkorrumpierbaren Engagierten aus den Netzwerken der evidenzbasierten Medizin aufeinander. Es geht um grundlegende ethische Fragen wie z.B.:
  • Fürsorge kontra Selbstbestimmung?
  • Störungsfokussierung/Pathologisierung kontra Gesundheitsorientierung?
  • Transgender“-Geschäfte- und Profitmacherei kontra Gerechtigkeit?
Insbesondere die GRADE-Working-Group wie auch die Cochrane-Collaboration haben klar herausgearbeitet, dass evidenzbasierte Medizin nur ohne Korruption sich entfalten kann. Nicht die Interessen der Geschäftsleute (bis hin zur Pharmaindustrie) dürfen das Gesundheitssystem dominieren, sondern die Gesundheitskonsumenten und eine kritische, aufgeklärte Öffentlichkeit oder wie man im angloamerikanischen Raum sagt, die Health Consumers und „The Public“.
Diese Sichtweise erfordert einen Paradigmenwechsel hin zu Health-Consumer-Ethics. Es bedarf vor allem wissenschaftlicher Fachgesellschaften, die diesen Diskurs vorantreiben und dem geschäftigen Treiben der Transgender-Business-People etwas entgegensetzen. Daher wurde von den Kongressorganisatoren im 2. Halbjahr 2016 die deutsche Gesellschaft für Health-Consumer-Ethics mit Sitz am Institut für Theologie und Sozialethik der Technischen Universität Darmstadt gegründet. Präsident dieser Fachgesellschaft ist Herr Dr. Gerhard Schreiber. Mir hat man eine Vorstandstätigkeit angetragen und ich habe sehr freudig zugesagt. Themenschwerpunkt des fachgesellschaftlichen Engagements für Health-Consumer-Ethics sollen zunächst Intersexualität und „Trans“sexualität sein. In diesem Zusammenhang werden von der Fachgesellschaft mehrere Projekte getragen, unter anderem die Erstellung eines systematischen Reviews in Kooperation mit der Universität Oxford und ein Wiki-Projekt zum Thema „Evidenzbasierte medizinische Interventionen und Health Care bzw. Health Promotion bei Transsexualität“. Die Fachgesellschaft plant mit Organisationen der „Trans“community und Intersexuellen-Bewegung zusammen zu arbeiten, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen. Sie sucht um Kooperation und Unterstützung von ForscherInnen sowie der evangelischen Landeskirchen: Vorstandsmitglieder arbeiten in kirchlichen Fachgruppen zur „Trans“thematik mit (seit einem Jahr z.B. im entsprechenden Arbeitskreis der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, EKHN). Die neue Fachgesellschaft wird auch die Trans-Evidence-Working-Group entlasten, die sich künftig auf die rein fachliche Sekundärforschung konzentrieren wird, das bedeutet vor allem Konzentration auf die Erstellung von systematischen Reviews und von Guidelines nach dem GRADE-Modell, Trans-Evidence hat sich ja die GRADE-Grundsätze auf die Fahne geschrieben.

 

Fazit 

Es war also ein gutes Jahr 2016.
Wie schrieb schon Bertold Brecht: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“
Und noch ein Satz von Søren Kierkegaard:"Die Wahrheit ist immer in der Minderheit."
Hoffen wir, dass dieser Satz nicht immer gilt.

Ein frohes Neues Jahr allen LeserInnen dieses Blogs.


(1) Zitiert nach http://www.uni-frankfurt.de/55900820/2_1_inhalt, abgerufen 1.1.2017