Samstag, 18. März 2017

VERSICHERUNGSMEDIZINISCHES GATEKEEPING – WAS TUN? WEITER JAMMERN?

Ich will mal ein Thema anreissen, dass eher ein Tabu darstellt und mit dem sich unsere Trans(*)vereins-Politiker nicht so gerne beschäftigen. Das Thema eignet sich so überhaupt nicht für den Aufbau von Fronten und Feindbildern (was ja des Vereinsmeiers Lieblingsbeschäftigung ist).
So – genug geätzt 😊

Zur Sache: Es gibt eine Ebene der „Fremdbeurteilung“, die in den Diskussionen zum Thema „Gatekeeper“ meist ausgeblendet wird: Das sind Notwendigkeiten von Sozialversicherungen, Kostenübernahmeanträge auf medizinische Leistungen versicherungsmedizinisch zu überprüfen. Krankenkassen und Rentenversicherungen dürfen tatsächlich nicht „einfach so“ Operationen oder andere kostenintensive Maßnahmen finanzieren, ohne vorher die medizinische Sinnhaftigkeit geprüft zu haben. Das sind sie der Versichertengemeinschaft und dem Solidarprinzip schuldig. Auch dies ist eine Art Gatekeeping. Auch hier wird „aussortiert“. Die medizinische Disziplin, die sich mit derartigen Problemstellungen beschäftigt, heisst „Versicherungsmedizin“ und ist ein Spezialgebiet mit ganz eigenen Fachbegriffen.

Hier kreuzen sich in der Praxis von Versicherungen zwei Tendenzen: Nämlich (1) die neoliberale Tendenz der Mainstream-Politiker und ihrer Finanziers aus den Konzernzentralen und Unternehmerverbänden, den Sozialabbau voranzutreiben-. Diese Unternehmerdenke hat auch vor den Krankenkassen nicht haltgemacht und daher werden viele Leistungen „aus Prinzip“ gekürzt, verweigert, man will, dass die Versicherten möglichst viel selbst bezahlen. Man will die ganzen sozialen Schutzeinrichtungen möglichst zum Verschwinden bringen. Das ist offizielle staatliche („neoliberale“) Politik (auch von CDU/SPD und FDP) seit der Reagan-Thatcher-Ära. Genschers berüchtigter Ausspruch von der „sozialen Hängematte“ ist da so ein typisches Beispiel ... Entsprechend diesem Prinzip verfahren auch die medizinischen Dienste der Krankenkassen ziemlich rigide und lehnen auf Teufel komm raus ab.

(2) Andererseits – und nun kommen wir zum Kern: Versicherungsmediziner haben oft Probleme die medizinischen Begründungen „pro GaOP“ von Ärzten und Psychologen nachzuvollziehen.

Diese Stellungnahmen sind fachlich schlecht erstellt, mit Textbausteinen, auf den Einzelfall wird nicht eingegangen. Der (historisch gesehen) letzte Arzt, der noch ernsthaft sich mit den Phänomenen (zumindest vorurteilsärmer als seine Kollegen) auseinandergesetzt hat und viele bunte Fälle beschrieben hatte, war Magnus Hirschfeld (etwa im seinem Transvestitenbuch von 1910). Er war der letzte, der sich eingehend mit den Phänomenen beschäftigt hat. Seitdem kommen von der Medizin, speziell den Psychoanalytikern, nur Peinlichkeiten über transsexuelle Menschen zu Papier, die vor Klischees und Unverständnis nur so strotzen.

Zudem ist durch diesen ganzen Gutachtenwahnsinn des TSG bei Patienten eine massive Abwehrhaltung vorhanden, nur nichts Preis zu geben, was zum „Verhängnis“ werden könnte – mit der Folge, dass Ärzte und Psychologen tatsächlich nichts über ihre Patienten wissen.

Die Sexualpsychologen und Sexualpsychiater mit ihren Genderklischees (z.B. über die Jungs, die gern mit Puppen …) verbreiten primitive Vorstellungen, „wie man Transsexuelle so erkennt“, auch das erleichtert nicht gerade ein echtes Verständnis der Phänomene/des einzelnen Patienten und zeigt sich dann in Standardtextschnipseln wie „spielte mit Puppen“, „fühlte sich unter Mädchen wohl“, „hasste seinen Penis“ usw.

Ein anderer Punkt: So richtig gerne das eigene Innere anschauen und sich mit sich intensiv-schonungslos-ehrlich auseinandersetzen, das mögen viele Patienten auch nicht. Lieber gamen und mit dem Smartphone … das ist doch cool und easy. Bloss keine Innenschau, das ist doch echt mühsam. Und auch Therapeuten mögen lieber in den „Sitzungen „zwanglos plaudern“ … das ist doch dann einfach verdientes Geld. Oder sie nerven mit Psychotherapeutengetue („Was macht das in Ihnen … ein Stück weit …?).

Die Chancen, dass der Arzt in der Versicherung einen realistischen Bericht bekommt, in dem das drinsteht, was den Patienten bewegt und worum es wirklich geht, ist also gering.

Aufgrund des (oft berechtigten) Misstrauens gegenüber den Kostensenkungsrittern in den Krankenkassen wird gerne auch aus strategischen Gründen übertrieben, damit die Kasse die Leistung finanziert.

Erschwerend kommt hinzu: Die meisten Ärzte und Psychologen haben von Versicherungsmedizin nicht die blasseste Ahnung, kennen noch nicht einmal die einfachsten Grundbegriffe dieser Disziplin und auch die Denke der Evidenzbasierung, die für Versicherungsmediziner ein „must“ darstellt, ist den meisten Ärzten/Psychos ein Buch mit sieben Siegeln. Versicherungsmediziner müssen sich an die Fakten halten, ihre Stellungnahmen werden vom Verwaltungsjuristen überprüft. Sie müssen alles belegen und akzeptieren nur Dinge, die gut belegt sind. Wenn ein Psycho schreibt: „Aufgrund meiner jahrelangen klinischen Erfahrung weiss ich, dass Patient arbeitsunfähig ist. Das IST so!“, genügt das nicht. Er muss es genau und anschaulich darlegen, sonst ist es für den Versicherungsmediziner nicht nachvollziehbar.
Und: In der Versicherungsmedizin kreist das Denken vor allem um Pathologie, der "Gesundheitsschaden ist auszuweisen", wie es in der Fachterminologie heisst. Patho-Denke pur, die Diagnose muss GESICHERT sein. Denn: die KRANKENversicherung versichert das Risiko krank zu sein/werden, ist also dazu da, die Risiken bzw. existenzbedrohlichen, wirtschaftlichen Folgen von Krankheiten abzufedern. Daher muss als allererste Voraussetzung klar sein, dass der Versicherte im Versicherungsfall auch wirklich krank IST. Das gilt es "wasserdicht" festzustellen, damit die "Mittel fließen" können. Und genau das -- nämlich die Krankheit/Diagnose -- ist bei TS/TG/NIBD ja nicht so einfach evident. Bei Grippe, da ist das klar. Und schön einfach festzustellen. Bei TS ist es ja durchaus zweifelhaft, ob es sich überhaupt "direkt" um eine Krankheit handelt, und falls ja, um welche Art ... Normvarianten werden ja nicht KRANKENversichert -- oder doch, wenn z.B. ... Oder wie bei im Fall Schwangerschaft ... ja auch ... weil ...
Nicht so einfach für den "einfachen" Vertrauensarzt, zumal von den "Fachleuten" auch oft nur Mist kommt (siehe oben: "Jungs, die mit Puppen ...") ...

Alles in allem: – ein auswegloses Dilemma? Gibt es ein/kein Rezept, um aus der Misere herauszukommen? Eine interessante Diskussion, die der Transcommunity, aber auch den "Professionalisten"  wohl nicht erspart bleiben wird.

1 Kommentar:

  1. Hallo Herr Dr. Haupt,
    Es wäre ganz einfach: Der Gesetzgeber müsste sich die Studie von Dr. Kurt Seikowski (in "Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaften", Hg. G. Schreiber) durchlesen und merken: Die Hormontherapie senkt die Folgekosten bei transsexuellen Menschen durch Komorbiditäten. Deshalb fordert C. Kunert zu Recht einen erleichterten Zugang zur Hormontherapie:
    https://greengumblog.wordpress.com/2017/03/20/open-access-ueber-den-freien-zugang-zur-hormontherapie-fuer-transpersonen/ - wer den Zugang zu med. Hilfe für transsexuelle Menschen erhöht, ist Verursacher höherer Kosten im Gesundheitswesen. D.h. Der Gesetzgeber muss die Behandlung transssexueller Menschen in einen präventiv-medizinischen Bereich im Sozialgesetzbuch verschieben und die Psychopathologisierung beenden (auch wenn das ggf. im nationalen Alleingang geschehen muss). Anders bleiben die Kosten für unnötige Depressionsbehandlungen usw... (also Komborbiditäten) erhalten.
    LG
    Jana

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